Paris

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Als wir Länderkuratoren uns Anfang Juni in Paris getroffen haben, haben wir in einem kleinen Hotel am Canale Saint Martin gewohnt. Wir sind abends gemeinsam essen gewesen, eine der hübschen steilen Brücken über den Kanal rüber, auf die andere Seite, und haben uns in einem kleinen Restaurant den Abend über digitale Identitäten unterhalten, darüber was uns vereint und was uns unterscheidet, wie sich wohl die Perspektiven aus Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, Belgien und Deutschlang entwickeln werden, im Laufe unseres Projektes. Zwei Straßen weiter liegt das Restaurant „Le Petit Cambodge“, dass am Freitag einer der Tatorte der Pariser Attentate war. 14 Menschen starben dort. Schluss mit der Idylle.

Der erst vor drei Wochen 92-jährig verstorbene Psychoanalytiker Arno Grün sagt, dass der Mensch erst im Bewusstsein seiner eigenen Schiffbrüchigkeit und im Zulassen eines möglicherweise erlittenen Schmerzes seine Menschlichkeit bewahrt. Die eigene Verletzlichkeit wahrnehmen zu können ist die Grundlage für Empathie. Mitgefühl zu zeigen bedeutet, auch den eigenen Schmerz anzuerkennen – das ist offenbar schwer. Alarmierend laut Grün ist es, dass unsere Gesellschaften sich – und zwar systemisch – zu empathielosen Gesellschaften entwickeln. An der Flüchtlingsfrage lässt sich beides momentan sehr gut nachvollziehen: die empathischen und die empathielosen Varianten der Reaktion zeigen sich uns täglich.

Geradezu unvorstellbar ist es für mich, in welcher Verfassung der Fühllosigkeit und Unbarmherzigkeit junge Menschen sein müssen, die – wie vor wenigen Tagen in Paris geschehen – wahllos andere junge Menschen töten, die miteinander sprechen, gemeinsam essen und trinken. Etwas läuft gründlich schief in unseren Gesellschaften, wenn solche Taten wieder viele aus unserer (eigenen!) Mitte dazu motivieren werden, sich solchen Vorhaben anzuschließen. Wenn es bei uns genug Resonanzboden für solche Dinge gibt, müssen wir uns fragen, wie wir unsere Gesellschaften so gestalten können, dass diese Saat nicht aufgehen kann. Frankreich hat mit seinen Banlieues, abgeschotteten, sich selbst überlassenen Problemvierteln, die Nicolas Sarkozy mit Kärchern säubern wollte, sicher ein besonderes Problem. Aber auch wir müssen uns diese Fragen stellen: Was hält uns als Gesellschaft zusammen? Was verbindet uns?

Wir sind damit mitten in der Identitätsfrage, die auch das Projekt Streaming Egos stellt: Wer sind wir? Wer ist „wir“? Wie funktionieren – auch transnationale – Identitätsbildungsprozesse? Wie verhindern wir, dass ein Identitätsvakuum derart explodieren kann? Denn das wohl verlockendste Angebot, dass sowohl Islamisten als auch rechtsextreme Strömungen offenbar machen, ist das Angebot einer Identität.

Die Frage für mich, auch für das Streaming Egos Projekt also lautet: Was hält uns zusammen? Wie können wir das fördern, was uns zusammen hält? Und welchen Beitrag kann der digitale Kulturraum dazu leisten?

Ich werde zu dem Thema Anfang kommender Woche ein Interview führen. Leider geht es nicht früher. Menschen, die sich mit der Hierbehaltung und Resozialisierung gefährdeter und radikalisierter Jugendlicher befassen, haben derzeit sehr viel zu tun.

Meine Gedanken sind bei unserer französischen Länderkuratorin Marie Lechner und ihrem französischen Länderzirkel, die in dieser wunderschönen Stadt leben.

 

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Fotos: Sabria David. Oben: Paris, Canal Saint Martin

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2 Gedanken zu „Paris

  1. Eva sagt:

    Für mich war die Nacht des 13. November auch interessant vor dem Hintergrund eures Anspruchs, digitale Möglichkeiten eines Salons und eines gesellschaftlichen Diskurses zu erforschen.

    Ich habe diese Nacht über meinem Telefon verbracht, hilflos durch meine Feeds und Streams scrollend. Es dauerte Stunden, bis ich davon lassen konnte. Im Nachhinein glaube ich: weil ich einfach nicht allein sein wollte mit den Nachrichten. Es hat ein paar Stunden gedauert, bis ich merkte, dass auf jeden User, der randomly retweetete oder mehr oder weniger reflektierte Gedanken rauspustete, eine ganze Kohorte solcher kam, die sehr aufmerksam, sehr wach mitlasen und im Zweifel direkt antworteten, halfen, argumentierten, nachdachten – aber zur Abwechslung einmal nicht zynisch, nicht reaktionär, sondern sehr vorsichtig und sehr offen. Ich habe mich gefreut und zugleich gegrübelt, ob es den Ausnahmezustand braucht, damit die Sozialen Netzwerke so (gut) funktionieren.

    Ein anderes Beispiel waren die Periscope- und Facebook-Livestreams – nicht die vor Ort in Paris, sondern jene, die Journalisten in Nachrichtenredaktionen starteten. Inhaltlich war das oft großer Bockmist, trotzdem hatten diese Streams einen Wert: Sie haben das Publikum nicht allein gelassen.

    Seitdem beschäftigt mich, wie wir das viel beschworene Lagerfeuer online schaffen können, ohne dass es gleich von Trollen bevölkert wird etc pp. Ich freue mich auf euren Versuch!

  2. Sabria David sagt:

    Liebe Eva,
    vielen Dank für Deinen Kommentar. Ja, die sozialen Medien zeigen sich in solchen Momenten wirklich von ihrer sozialen Seite – sie helfen einem, zusammenzufinden und gemeinsam zu überlegen wie es weitergehen soll.
    Und Du hast Recht, wir sollten unser Lagerfeuer nicht den Trolls überlassen.
    Herzlich
    Sabria

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