Salonvorstellung: Gibt es Sie, Mr. Park?

11694899_10200589992869152_696689975512448914_nIn seiner Geschichte „Gibt es Sie, Mr. Johns“ beschreibt der polnische Science Fiction-Autor Stanislaw Lem eine Gerichtsposse: Der Rennfahrer Harry Johns hat beruflich bedingt ein erhöhtes Aufkommen an Verkehrsunfällen und damit einhergehend auch an Prothesen – bis zu dem Punkt, an dem wirklich jedes biologische Körperteil durch ein maschinelles ersetzt worden ist, einschließlich seiner beiden Hirnhälften. Vor Gericht entspinnt sich ein Streit: Harry Johns hat offenbar nicht alle Rechnungen des Prothesen-Herstellers bezahlt und dieser wiederum reklamiert deshalb, Harry Johns sei sein Eigentum, das die Firma fortan zu Werbezwecken einsetzen wolle. Harry Johns selber besteht auf seinen Menschenrechten – doch ist er überhaupt noch ein Mensch? Und wenn nein, wo ist ihm das Menschsein abhanden gekommen, als nach und nach seine Organe durch robotische Ersatzteile ausgetauscht wurden?

2011 erhielt ich ein Cochlea-Implantat. Das ist ein künstliches elektronisches Gehör, das in meinem Schädel eingelassen ist. Ohne bin ich schwerhörig an der Grenze zur Gehörlosigkeit. Da frage ich mich natürlich: Passiert mir dasselbe wie Mr. Johns? Bin ich noch ich?
Obwohl ich weiterhin zu 99% aus Biomasse bestehe, hat es das kleine artifizielle Stück Technik in meinem Schädel nämlich in sich. Das ist besonders denjenigen Bekannten aufgefallen, die ich seltener treffe und die deshalb den Unterschied zwischen vor und nach der Operation stark wahrnehmen konnten. Aus dem Menschen, mit dem eine Unterhaltung zu führen bisweilen anstrengend war, ist einer geworden, mit dem man auch im lauten Club ein Getränk zu sich nehmen kann. Mir wird mehrfach bezeugt, meine Artikulation sei heute erheblich klarer als früher. Aber bei Veränderungen des Hörens und des Sprechens bleibt es nicht. Mein ehemaliges Weltbild eines Aluhutes, beispielsweise, ist nicht vollständig aber doch weit gekippt in Richtung Post-Privacy. (Glauben Sie mir: Schlecht hören macht paranoid, weil Sie denken, Menschen verheimlichen Ihnen ständig etwas, erzählen Ihnen Dinge falsch oder sprechen hinter Ihrem Rücken über Sie.)

Kurz: In dem Gefühl mich gar nicht verändert zu haben, hat sich geändert, wie ich die Welt wahrnehme, was wiederum die Welt veranlasst hat, sich nochmal zu überlegen wie sie mich wahrnimmt, was sie mich hat wissen lassen, weshalb sich auch verändert hat, wie ich mich selbst wahrnehme. Und das hat offenbar weite Teile meiner Identität über den Haufen geworfen. Das macht es mir allerdings ein wenig schwierig, mich an dieser Stelle selbst vorzustellen. Vergangene wie aktuelle Berufsbezeichnungen, mein Blog, meine Tätigkeit u.a. für den Elektrischen Reporter oder die Jungle World, mein Engagement in dem nur oberflächlich kurios klingenden Verein Cyborgs e.V., mein Wohnort Berlin, meine Herkunft als Ostfriese mit Hang zur Tee-Zeremonie oder meine Schuhgröße (46) mögen ein Bild entstehen lassen, aber meine Identität machen sie nicht aus, sondern sind Puzzleteile, die mich über Teile meines Lebens begleiten, mal dazugehören und mal nicht – wie Prothesen oder die Körperzellen, die wir angeblich alle sieben Jahre in unserem Organismus komplett austauschen.

Kurz: Ich kann hier keine redliche Selbstdarstellung verfassen, da ich erstmal klären muss, ob es mich gibt und was ich bin. Bitte entschuldigen Sie, dass das vermutlich noch eine Weile dauern wird. Einstweilen können Sie aber darüber nachdenken, dass auch Sie eine solche Prothese haben, die ändert, wie Sie die Welt wahrnehmen, und dadurch auch Sie selbst verändern wird bzw. längst hat: Das Internet.

Gibt es Sie, liebe Leser?

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