6 Fragen an Frau Höpker

Der digitale Wandel wird genährt von einem gesellschaftlichen Bedürfnis nach Teilen und Tauschen, nach Bindung, Bezug und Kontaktaufnahme. Vergessen geglaubte sozial-gemeinschaftliche Kulturtechniken treten wieder in Erscheinung und finden in der digitalen Gesellschaft einen neuen – und für viele überraschenden – Ausdruck. Gemeinsames Handarbeiten und der Austausch von Stricktricks nehmen in unzähligen Strickblogs Gestalt an. Zusammen Basteln und Handwerken findet sich in der Makerszene wieder, angetrieben von Entwicklungen wie dem 3D-Drucker oder dem taschengeldkompatiblen Raspberry Pi. Die Rückeroberung des öffentlichen Raumes als Sozialraum finden ihren Ausdruck in Projekten wie mundraub.org oder in Phänomenen wie Guerilla Gardening.

Auch das gemeinsame Singen ist so ein Phänomen. Es scheint nicht so recht in unsere Zeit zu passen und doch schießen Formate und Veranstaltungen dieser Art wie Pilze aus dem Boden: Ob Bachs Weihnachtsoratorium als Singalong in der Kirche oder Weihnachtsliedersingen in Fußballstadien –  das gemeinsame Singen lockt den modernen Menschen zu tausenden hinter dem Ofen hervor.

Was passiert da?

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Das fragte ich Katrin Höpker. Im Jahr 2008 erfand die ausgebildete Musikerin – sie ist Pianistin, Organistin und Sängerin – das Format „Frau Höpker bittet zum Gesang„. Seitdem tourt sie mit wechselndem Mitsing-Programm durch das Land, bei dem sie in großen Sälen mit hunderten von Gästen gemeinsam singt – und zwar sowohl Volkslieder aus allen Jahrhunderten als auch Hits der aktuellen Charts.

Und wie sich herausstellt, sind wir, wenn wir über Singen, Gemeinschaft und Identität sprechen, sofort bei dem zentralen Thema meines Eingangsbeitrags über den deutschen Länderzirkel dieses Projektes: Wir sind mitten in der deutschen Geschichte.

Hier sind meine Fragen und die Antworten von Frau Höpker:

Frage 1:
Sie kultivieren mit Ihren Abenden das gemeinsame Singen. Welche Rolle spielt diese eigentlich vergessen geglaubte Kulturtechnik Ihrer Erfahrung nach in der heutigen Zeit?

Frau Höpker:
Die Fragestellung ist meiner Meinung nach nicht ganz korrekt. Das Singen ist keine vergessen geglaubte Kulturtechnik. Wir haben immer gesungen, auch gemeinschaftlich, wenngleich in den vergangenen Jahrzehnten viel weniger.
Dafür gibt es vielerlei Gründe. An der deutschen Geschichte mit der großen Zäsur durch die Naziherrschaft kommt man dabei nicht vorbei.

Frage 2:
Gibt es Ihrer Erfahrung nach heute überhaupt noch gemeinsames Liedgut – oder gibt es kein gemeinsames Repertoire mehr, über das man sich generationsübergreifend einigen kann?

Frau Höpker:
Es gibt noch gemeinsames Liedgut, aber es ist höchste Eisenbahn, dass man dieses geläufig hält und weiter ausbaut. Ich spreche da von einem Repertoire das vom Volkslied bis zum aktuellen Song in den Charts reicht! Man wundert sich, das 25-Jährige Schlager der 50iger und 60iger Jahre kennen aber auch 80-Jährige Robbie Williams mitsingen. Ich beobachte allerdings, dass viele Volkslieder verblassen, einfach nicht mehr vertraut sind. Das hat auch damit zu tun, dass die Lebenswelten, die in vielen Volksliedern thematisiert werden, uns einfach heute vielfach fremd geworden sind.

Da bräuchte man schon teilweise einen Geschichtskurs zu Verständigung.

Frage 3:
Kann gemeinsames Singen Identität und Gemeinschaft stiften?

Frau Höpker:
Ein deutliches und fröhliches JA!

Frage 4:
Steckt in dem gemeinsam Singen und dem entstehenden Wir-Gefühl nicht auch ein unheimliches Potential der Verführung und Manipulation? Ist Wir-Euphorie nicht auch gefährlich?

Frau Höpker:
Ja, auch das. Gerade in Deutschland muss man diese Frage bejahen, zeigt doch unsere Geschichte, wie Musik, gemeinsames Singen instrumentalisiert werden kann. Singen ist körperlich, energetisch höchst stimulierend – das ist sehr, sehr positiv! In der Gruppe, zum Beispiel beim Marschieren von Soldaten aber, macht man sich das entstehende Gefühl von Kraft und Stärke und im negativen Sinne zu nutze.

Aber beim Singen ist es wohl bei fast allen Dingen im Leben: das Positive kann man auch immer ins Negative verkehren. Auch hier gilt: Vorm und beim Singen das Denken nicht vergessen!

Frage 5:
Brauchen wir das alles nicht trotzdem?

Frau Höpker:
Natürlich brauchen wir als Menschen Gemeinschaft und sinnstiftende Erlebnisse in der Gruppe.

Wenn ich mit vielen singe, dann darf ich mich in dieser großen Gruppe gut aufgehoben und verbunden fühlen – bildlich gesprochen horizontal, aber ich bin auch ganz bei mir selbst,  also vertikal verbunden.

Das ist eine sehr ganzheitliche Sache!

Frage 6:
Spielen digitale Medien für Ihre Arbeit eine Rolle? Wenn ja, welche?

Frau Höpker:
Na klar, nutze ich alle digitalen Medien. Zu Vorbereitung meiner Programme, bei der Musik-Recherche, der Kommunikation mit den MitsängerInnen und und und.

Gespielt aber, und das ist nach wie vor mein Alleinstellungsmerkmal bei meinen Konzerten, wird auf der Bühne alles Live ohne Netz und doppelten Boden. Es gibt keine Playbacks, keine Einspielungen oder Midifiles.

Ich bin überzeugte Musikantin und nur mit meiner Stimme und dem Piano unterwegs!
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Foto: Thomas Bittera

2 Gedanken zu „6 Fragen an Frau Höpker

  1. […] These be­ginnt ein In­ter­view mit der Mu­si­ke­rin Kat­rin Höp­ker, die das For­mat „Frau Höp­ker bit­tet zum Ge­sang“ auf die Beine ge­stellt hat. Ge­mein­sa­mes Sin­gen scheint also ge­rade „en vogue […]

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