Salon Vorstellung – Sabria David


Sabria David

Manchmal google ich mich selbst

Manchmal google ich mich selbst, um nachzuschauen, ob ich noch da bin. Ich klicke mich durch Interviews und Bilder, durch Videoaufzeichnungen und Podcasts, wie zum Beweis. Dann öffne ich Twitter und schreibe „Huhu“ oder „Ihr Lieben“ oder „Ach ja“. Manchmal rufe ich ins Netz und warte auf Antwort.

Pfeifen im Walde. Manchmal kommt Antwort von einem Menschen, der in diesem Moment auch ein Fremder oder Fastfremder sein kann, der zum richtigen Zeitpunkt das Richtige sagt. Ein kurzer Kontakt, eine kleine Wärme, eine kleine soziale Nähe und die kurze Zuversicht, doch nicht alleine zu sein in dieser Welt.

Bin ich da? Werde ich gesehen? Das sind Urfragen der Menschheit, aus deren Beantwortung schon im frühen Kindesalter das Urvertrauen wächst, die Gewissheit da zu sein, in der Welt verankert zu sein, sich selbst zu spüren, in Kontakt mit anderen treten zu können, wahrgenommen zu werden. Basis dieser Entwicklung ist zunächst die Spiegelung, die Bestätigung, das Echo, aus denen man Kraft schöpft, um sich später auch ohne Spiegelung zu sehen, ohne Echo hören zu können.

Sehr viel des Gewebes des digitalen Kulturraums besteht aus diesem sozialen Suchimpuls nach dem anderen, nach einem Gegenüber. Aus dem Wunsch nach Sichtbarkeit und Gesehenwerden, nach Echo, Widerhall und Resonanz. Der Wunsch, im digitalen, sozialen Interaktionsraum Spuren zu hinterlassen und Antwort zu bekommen, das ist das Soziale an den sozialen Medien.

Viele der digitalen Phänomene lassen sich so verstehen. Sie sind gleichzeitig Selbstsuche und Kontaktaufnahme, Inszenierung und Spiel, Wahrheit und Fiktion.

Das Selfie: eine Selbstvergewisserung. Das Mem: Die Selbstversicherung einer sozialen Gruppe, die Bestätigung einer Zusammengehörigkeit. Das eigene Essen posten: Seht her, dies ist mein Zeugnis. Auch die Trolls geben „ihren Senf“ dazu, um Spuren zu hinterlassen, um da zu sein.

Bin ich da? Werde ich gesehen?

Sowohl im analogen wie im digitalen Leben – eine Trennung, der wir uns hier ohnehin nicht anschließen wollen – sollte es uns gelingen, souverän zu sein. Souveränität bedeutet, diese beiden Fragen nicht in Abhängigkeit von einander zu beantworten: Ja, ich bin da – auch wenn ich grade nicht gesehen werde.

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